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Thomas-Schulz-Gedenkdemo am 02.04.


Vor sechs Jahren, am 28. März 2005, wurde der Punker Thomas Schulz von einem Neonazi ermordet. Inmitten der U-Bahn-Station Kampstraße in der Dortmunder Innenstadt wurde Thomas von dem damals 17-jährigen Sven Kahlin niedergestochen. Noch am selben Abend erlag Thomas im Krankenhaus seinen Verletzungen. Sein Mörder wurde daraufhin wegen Totschlags zu einer Jugendstrafe von sieben Jahren verurteilt. Eine politische Motivation hatte die I. Große Strafkammer des Dortmunder Landgerichts bei Kahlin nicht erkennen können, auch wollte das Gericht nicht von Mord sprechen, da das “Mordmerkmal der Heimtücke” nicht gegeben gewesen sei.

Dortmunder AntifaschistInnen betreiben seit den Ereignissen am Ostermontag 2005 mit alljährlichen Kundgebungen, Demonstrationen und weiteren Aktionen wie Straßenumbenennungen aktive und erfolgreiche Gedenkpolitik, um auf den Mord und dessen politischen Kontext hinzuweisen. Nicht zuletzt auch der erneute Naziangriff auf die Kneipe Hirsch Q im Dezember 2010 gibt uns allen Anlass im Rahmen der Gedenkdemo auf die recht aktive Neonaziszene in Dortmund hinzuweisen und antifaschistischen Protest auf die Straße zu tragen.

Den ganzen Aufruf lesen. Weiteres Material gibt es hier.

Kommt zur antifaschistischen Demonstration:
02.04.2011 | 16:00 h | Dortmund | Hauptbahnhof (Vorplatz)

Es bleibt dabei: Nichts und niemand ist jemals vergessen!
Kein Vergessen den Opfern neonazistischer Gewalt!
Gegen Neonazis und rechte Gewalt!

Kundgebung in Gedenken an Thomas Schulz
28.03.2011 – 18.30 Uhr – Dortmund [U-Bahnstation Kampstraße]

Achtet auf Ankündigungen und mögliche Änderungen!
http://dab.nadir.org/

 

Difficĭle est, satĭram non scribĕre

Diskussionspapier zur „ConnACT“-Konferenz am 14./15.01.2011

 

Mehrere Antifa-Gruppen aus dem Rheinland laden im Januar nach Köln, um mit „antifaschistischen Gruppen, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Parteien, Gewerkschaften und interessierten Einzelpersonen“ über die auch 2011 anstehenden „großen extrem rechten Events“ zu diskutieren und „langfristig angelegte überregionale spektrenübergreifende Bündnisse“ zu schaffen.
Im Folgenden werden einige Kritikpunkte an der Konferenz und deren Hintergrund erläutert. Es ist uns wichtig vorher zu betonen, dass wir mit diesem Flugblatt die Diskussion suchen und nicht kategorisch einen Bruch mit allen an der Konferenz Teilnehmenden vollziehen möchten. Aber Kritik ist kein konstruktiver Wattebausch, sondern eine Waffe, weshalb wir darum bitten, etwas Nachsicht zu haben, wenn die eine oder andere Formulierung vielleicht zunächst etwas hart erscheint. Wir sind der Auffassung, dass wenn Argumente konsequent und klar verfasst sind, sie sich leichter diskutieren und auf ihr Zutreffen überprüfen lassen.

 

Auf zum Bündnis! – Auf zum Atom!
Aufgrund der eigenen Schwäche suchten Antifa-Gruppen schon immer den Kontakt zu zivilgesellschaftlichen Organsiationen und Teilen der radikaleren Linken. Neu ist die Bestrebungen der Konferenz also nicht. Neu ist hingegen eher, dass Antifas, anders als noch in den neunziger Jahren, immer weniger versuchen radikale Gesellschaftskritik in solchen „großen“ Bündnissen zur Debatte zu stellen. Das Bündnis an sich scheint Selbstzweck geworden zu sein, und der Zweck – möglichst viele Menschen gegen Nazi-“Großevents“ auf die Straße zu bringen – heiligt alle Mittel. Zu einem „radikalen Akt“ wird bestenfalls noch der vermeintliche „zivile Ungehorsam“ und der „kollektive Regelverstoß“ geadelt. Einen solchen erkennen die OrganisatorInnen antifaschistischer „Großevents“ vor allem in friedlichen Sitzblockaden von (auch sonst) gesetzestreuen BürgerInnen. Dass deutsche BürgerInnen aber nicht von „der Antifa“ zu „kollektiven Regelvestößen“ ermuntert oder gar getragen werden müssen, sondern dass eben diese auch von selber auf solche „radikalen“ Ideen kommen, beweisen nicht zuletzt die Proteste gegen Stuttgart 21. Zu denken geben könnte allerdings, dass einzig Proteste gegen Nazis und RechtspopulistInnen, gegen Atommülltransporte und Bahnhofsumgestaltungen das – bestenfalls – linksliberale Milieu in Deutschland auf die Straße treibt, während selbst reformistische Proteste gegen den Sozial- und den Grundrechteabbau kaum auf Resonanz stoßen – von Demonstrationen gegen die deutsch-europäische Asylpolitik oder das Privateigentum an Produktionsmitteln ganz zu schweigen.

Der Grund, weshalb „breite Bündnisse“ – welche letztlich natürlich auch nur die immer gleichen linksliberalen bzw. zivilgesellschaftlichen Organisationen vereinen – funktionieren, ist darin zu suchen, dass radikale Gesellschaftskritik in den Bündnissen nicht diskutiert wird oder zumindest nicht nach außen hin sichtbar gemacht wird. „Antifa“, so war es zumindest einige Zeit Konsens, bedeutete auch eine unbeirrte Bekämpfung der Verhältnisse, die immer wieder faschistische und nationalsozialistische Ideologien hervorbringen müssen und das ohne hinter die bürgerliche Gesellschaft (zum Beispiel auf einen autoritären Staat oder eine proletarische Diktatur) zurückzufallen. Allein mit dem Label „links“ und „antikapitalistisch“ war es nicht getan, sondern es ging darum sich eine Kritik der Gesellschaft anzueignen, durch Austausch und Kontroverse zu schärfen und weiter zu vermitteln. Auf dem „Antifa-Kongress“ vermisst man diese wichtige Erkenntnis.
Nur logisch ist es deshalb, dass beim Auftakt der von antifaschistischen Gruppen getragenen Konferenz diese Frage diskutiert werden soll: „Inwiefern muss jeder Protest gegen öffentliches Auftreten von Neonazis auch den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft thematisieren?“. Auch wenn sie nach einigen Tagen wieder von der Homepage verschwunden ist, in den offiziellen Flyern findet sie sich noch. Man kann diese Frage wohl nur als eine rhetorische begreifen. Die Xenophobie der Mehrheitsgesellschaft und die rassistische Politik von BRD und EU können und sollen in „breiten“ Bündnissen nicht auf angemessene Weise thematisiert werden. Erst Recht darf bei Strafe der Implosion der “breiten Bündnisse” nicht thematisiert werden, dass diverse aktuelle oder anvisierte Bündnispartner (etwa Die Linke, Bündnis90/Grüne, SPD) die Abschiebe- und Abschottungspolitik der BRD durch ihre aktuelle oder ehemalige Beteiligung an Landes- und Bundesregierungen mittragen, wenn sie nicht gar selbst rassistische Debatten forcieren. An dieser Stelle sei nur der ehemalige SPD- und Linkspartei-Vorsitzenden Oskar Lafontaine und dessen Rolle in der so genannten „Asyldebatte“ in den neunziger Jahren erwähnt, denn eine weitere Aufzählung linker RassistInnen, oder gar eine Debatte über die rassistische Verfasstheit von Staaten an sich („Insofern der Staat die Mittel hat, zu bestimmen, wer sich wie auf seinem Territorium ökonomisch betätigen darf, ist er von seiner Struktur her unaufhebbar rassistisch verfasst.“ Manfred Dahlmann), würde hier den Rahmen massiv sprengen.

 

Dreh- und Angelpunkt Neonazi-Aufmärsche
In einem Aufruf zu „Massenblockaden“ gegen den Naziaufmarsch in Stollberg heißt es: „Jeder erfolgreich durchgeführte Aufmarsch wirkt motivierend, stabilisierend und ideologisierend auf die NS-Szene. Die Auswirkungen zeigen sich in verstärkter überregionaler Vernetzung, aber auch im Kleinen; durch ein alltägliches offensives, gewalttätiges Auftreten von NeofaschistInnen in Stolberg, Düren, Aachen – Städte, in denen Menschen zunehmend Opfer von Nazigewalt werden.“, weiter heißt es in dem erwähnten Aufruf: „Für Neonazis sind kollektive Veranstaltungen wie Aufmärsche nicht nur wichtig, um Rassismus und Nationalismus öffentlich zu propagieren. Sie festigen auch das Selbstbild eines kollektiven »Wir« der TeilnehmerInnen.“ So richtig der letzte Satz ist, so verkürzt ist es, „rechte Events“ zum Dreh- und Angelpunkt antifaschistischer Interventionen zu machen und sich Schwerpunktmäßig auf die Initiierung von eigenen „Gegenevents“ zu konzentrieren. Nicht selten gewinnen gerade Aufmärsche bei denen es „geknallt“ hat, also bei denen es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und GegendemonstrantInnen gekommen ist, an Eventcharakter für den „erlebnisorientierten“ Teil der Nazi-Szene. Die Verhinderung und Störung von Naziaufmärschen mag für Nazis ärgerlich sein, die allerwenigsten hören aber wegen eines verhinderten Aufmarsches auf, für die nationalsozialistische Sache zu agieren und agitieren.
Aufmärsche sind vielmehr nur eine einzelne Ausdrucksform extrem rechter Umtriebigkeit. Ungestörte regelmäßige Kameradschaftsabende, Konzerte oder kleinere illegale Aktionen sind für das Selbstverständnis und die Außenwirkung der neonazistischen Subkultur mindestens genauso wichtig. Zudem drängt sich bei der Lektüre des Aufrufs zu den Protesten in Stollberg der Eindruck auf, dass eine relativ starke Naziszene primär die Folge von Aufmärschen wäre. Dabei ist es doch vielmehr so, dass Neonazis gerade dort Aufmärsche veranstalten, wo sie über aktive, gefestigte und verhältnismäßig große Strukturen verfügen. Gerade für die Regionen Aachen-Düren, Siegen oder Dortmund-Hamm lässt sich dies feststellen. Das Problem ist also eher, dass z.B. im Raum Aachen-Düren Neonazis jahrelang agieren konnten, ohne von zivilgesellschaftlichen Akteuren, Polizei, Verwaltung und auch „der Antifa“ gestört zu werden. Die wenigen aktiven AntifaschistInnen in dieser Region waren Jahrelang auf sich gestellt, auf Unterstützung von „Großstadt-Antifas“ mussten sie lange vergebens warten. Es drängt sich also der Verdacht auf, dass „Großstadt-Antifas“ vor allem dann in die Provinz aufbrechen wenn es gilt, medienwirksam „Events“ in Form von „Massenblockaden“ und „breiten Bündnissen“ zu inszenieren. Der „Nazialltag“, also die regelmäßigen Übergriffe, „Propagandaaktionen“ und die Zusammenkünfte, in denen Nazis neue Mitglieder agitieren und einbinden, stellen für AntifaschistInnen und andere von Nazis zu Feinden erklärte Gruppen jedoch das viel größere Probleme dar.

 

Beispiel Dortmund – Solidarität muss Praktisch werden!
Ähnlich wie dem Raum Aachen-Düren wird auch der nordrheinwestfälischen „Nazihochburg“ Dortmund von Seiten des Großteils der Antifabewegung nur dann Aufmerksamkeit geschenkt, wenn rechte „Großevents“ wie der so genannte „Antikriegstag“ anstehen. Dabei lässt sich auch und gerade für Dortmund konstatieren, dass der „Großaufmarsch“ zum „Antikriegstag“ und dessen überregionale Bedeutung nur Ausdruck einer relativ starken und gefestigten rechten Szene in Dortmund ist. Die organisierten Neonazis um den „NW Dortmund“ verfügen nicht nur über ein „Nationales Zentrum“, in dem regelmäßig Kameradschaftsabende und Veranstaltungen stattfinden, sondern haben auch beste Kontakte zu den zahlreichen rechts-subkulturell geprägten Stadtteil-Cliquen, zu rechten Fußballfans und Hooligans sowie zu extrem rechten Parteien in Dortmund und Umgebung. Der engere Kreis des “NW Dortmund” und das mobilisierbare Umfeld der Nazi-Szene in Dortmund umfasst ca. 200 Personen und verfügt über eine gefestigte Infrastruktur. Dies alles erklärt die zahlreichen öffentlichen Auftritte, „Propagandaaktionen“ und auch Übergriffe bis hin zum Mord in Dortmund. Die wenigen organisierten AntifaschistInnen in Dortmund und dem Ruhrgebiet waren lange auf sich alleine gestellt und sind es auch heute zumeist. Zu größeren Aktionen von Seiten der Dortmunder Zivilgesellschaft und der nordrheinwestfälischen linken Szene kommt es in Dortmund nur anlässlich des „Antikriegstages“ und auch das erst seit zwei Jahren. Kurzfristig organisierte Antifa-Aktionen nach brutalen Übergriffen oder die alljährliche Gedenkdemonstration für den 2005 von einem Neonazi ermordeten Thomas „Schmuddel“ Schulz erfahren kaum überregionale Unterstützung. Zurück geführt wird dies dann – wie in einem Ankündigungstext der Konferenz – auf eine „Zersplitterung der Spektren“. Hier ist zu erwähnen, dass zumindest ein „antifaschistisches Spektrum“ jenseits vom „Antikriegstag“ kaum kontinuierlich gegen Nazis in Dortmund aktiv wird, gleiches lässt sich über die „Spektren“ Zivilgesellschaft und Gewerkschaften sagen – und auch dies seit Jahren. Wichtig wäre es, der rechten Szene in Dortmund kontinuierliche antifaschistische Arbeit an 365 Tagen im Jahr entgegen zu setzen. Wie die Erfahrungen der letzten zehn Jahre zeigen, kann sich auf die oben erwähnten Spektren – nicht nur aus linksradikaler Perspektive – nicht verlassen werden. Eine Fixierung auf den „Antikriegstag“ ist zudem mehr als problematisch und dient wohl primär der Pflege des guten Gewissens und dem Bedürfnis nach „Praxis“ der einmal im Jahr zum „Event“ anreisenden Bewegungslinken. Es lässt sich wohl nur darüber spekulieren, wie groß die linksradikale Szene tatsächlich wäre, wenn diese „Großevents“ vielen Bewegungslinken nicht selbst ein „Wir-Gefühl“ vermitteln würden, dass über die eigene Marginalität und Bedeutungslosigkeit hinwegtäuscht.
Ein Patentrezept zur Zerschlagung der Nazi-Szene in Dortmund und in anderen „Nazihochburgen“ können wir nicht anbieten. Sicher ist jedoch, dass es viele bessere Methoden gibt mit denen man Nazis praktisch in die Schranken weisen kann. Dazu gehört auch die Verhinderung ihrer öffentlichen Auftritte und die konsequente Einschränkung ihrer Bewegungsräume. Maßnahmen einer solchen Art müssen kontinuierlich erfolgen, stehen einer radikalen Gesellschaftskritik aber nicht im Wege. Im Gegenteil: Ein Event-Antifaschismus, der versucht möglichst viele Menschen für spektakuläre Aktionen unter einen Hut zu bekommen, es aber unterlässt, eine Gesellschaftskritik, die ihres Namens würdig ist, zu entwickeln und zu artikulieren, bleibt auf lange Sicht wirkungslos.

 

Aktion und Politik – ist das wirklich alles?
Den auf diesem Kongress vertretenen antifaschistischen Politikansatz halten wir also aus mehreren Gründen für kritikwürdig. Die hier repräsentierten Gruppen vernachlässigen es seit Jahren, die neonazistischen Aktivitäten gesellschaftlich zu kontextualisieren. Eine Gesellschaftskritik, die über den Allgemeinplatz hinaus reicht, dass „Rassismus auch aus der Mitte der Gesellschaft“ komme, artikulieren sie nicht. Diese Kritiklosigkeit ist jedoch integraler Bestandteil ihres „Erfolgsrezeptes“: Sie ist Voraussetzung für die viel beschworene Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, Kirchen, Parteien und anderen Gruppen, die an der Verfasstheit dieser Gesellschaft nichts grundsätzliches auszusetzen haben und jeden, der das anders sieht, unter Extremismusverdacht stellen. Eine Zusammenarbeit zwischen Antifa und zivilgesellschaftlichen Gruppen hat keine Radikalisierung dieser Gruppen, sondern die Aufgabe von radikaler Gesellschaftskritik zur Folge.
Was die Versammelten vereint ist letztlich ein Praxisfetisch, der schon durch die Kapitälichen des “ACT” auf den Werbematerialien zum Ausdruck kommt. Nur in Hinblick auf erhoffte zukünftige Aktionen hat man sich – sei es wegen fehlenden Inhalten oder ideologischen (freundlicher: theoretischen) Differenzen – etwas zu sagen. Es geht nicht um theoretische Diskussionen, die vielleicht im Vorfeld oder Vordergrund zu stehen hätten, sondern um die Tat, sei sie abseits der Selbstbestätigung und Selbsterhaltung durch Eigenwerbung noch so belanglos.
Im Umkehrschluss heißt diese Konstellation deshalb auch, dass der inhaltliche Gehalt von Mobilisierungen auf einen langweiligen und antikritischen Konsens heruntergebracht werden muss oder zumindest auf das Nebeneinanderstehen von (ansatzweise) vernünftigen Positionen und solchen, die erstere zu bekämpfen hätten, hinausläuft. Es wird taktiert, für einzelne Bündnispartner schwierige Themen werden umschifft und am Ende klopft man sich für die ach so erfolgreiche Bündnistümelei gegenseitig auf die Schultern.
Doch auch in Hinblick auf den Anti-Nazi-Kampf bleiben die hier vertretenen Strategien wirkungslos oder reichen zumindest nicht über symbolische Erfolge, wie die Blockade des Naziaufmarsches in Dresden hinaus. Jenseits solcher medientauglichen „Gegen-Großevents“ kommen keine Aktionen in den regionalen Nazihochburgen zustande.

 

» antifaschistische und kommunistische Gruppen aus NRW

 

Keine Stadt ist verloren!

Die Nazistrukturen in Hamm plattmachen!

 

[ Hier klicken, um den Aufruf als pdf anzuzeigen ]

 

Für den 23.10.2010 hat die seit März 2003 aktive “Kameradschaft Hamm” einen Aufmarsch durch die Hammer Innenstadt gegen einen halluzinierten “Volkstod” angekündigt. Am 22.10. wollen die von ihnen aufgebauten “Autonomen Nationalisten” aus dem benachbarten Ahlen eine Vorabendkundgebung zum Aufmarsch durchführen. An beiden Tagen gilt es ihre Aktionen mit allen Mitteln zu vereiteln. Aber auch darüber hinaus muss sich antifaschistische Solidarität in mehr niederschlagen als nur zu den üblichen Gelegenheiten in die Provinz zu fahren.

 

Hamm: Eine kurze Bestandsaufnahme

Die kommende Neonazidemonstration ist die zehnte in Hamm. Sie reiht sich, neben zahlreichen Kundgebungen, regelmäßigen Störungen von antifaschistischen Veranstaltungen und brutalen Übergriffen auf politische GegnerInnen, ein in eine traurige Chronik rechter Umtriebigkeit seit 2003. In Hamm konnte sich über Jahre hinweg fast ungestört eine der aktivsten Neonaziszenen in NRW entwickeln, die für viele Menschen eine ernsthafte, körperliche Bedrohung darstellt und die angesichts ihrer Ideologie kaum überschätzt werden kann. So bestehen neben der “Kameradschaft” noch diverse weitere rechte Cliquen und neonazistische Kleingruppen im Stadtgebiet, darunter rechtsradikale Bands, Ultragruppen und Freundeskreise, mit und aus denen die Neonaziszene ihren Nachwuchs rekrutiert, die aber gleichermaßen eine eigene Dynamik entwickeln.

Auch überregional sind die KammeradInnen aus Hamm kontinuierlich aktiv, so gehen die Vernetzungsversuche in der Region zwischen Ahlen, Unna, Bergkamen, Bönen, Münster und Dortmund – um nur einige zu nennen – maßgeblich auf sie zurück, genauso wie die meisten der jüngeren Neonazigruppierungen aus der Umgebung mit maßgeblicher Unterstützung der “Kameradschaft Hamm” aufgebaut wurden. Gute Verbindungen in andere Städte bestehen nicht zuletzt, da diverse Kader und Mitglieder in den letzten Jahren nach Dortmund und in andere umliegende Städte verzogen sind. Dass es die “Kameradschaft Hamm” trotzdem geschafft hat handlungsfähig zu bleiben und Nachwuchs einzubinden, macht es wenig überraschend, dass sie in der rechten Szene des gesamten Ruhrgebiets und darüber hinaus hoch geschätzt ist, nicht nur wenn es um Erfahrung und Infrastruktur geht.

 

Von nichts gewusst und nichts gelernt..

Lange Zeit wurden die rechten Aktivitäten in Hamm und Umgebung ignoriert. Erst hierdurch konnte sich die neonazistische Szene unbehelligt aufbauen, neue Mitglieder rekrutieren und sich vernetzen. Der von Gerhard Schröder im Jahr 2000 nach diversen antisemitischen und rassistischen Gewalttaten ausgerufene “Aufstand der Anständigen” aus der Bürgerschaft und auch ein “Aufstand der Zuständigen” aus Verwaltung, Lokalpresse, Stadtpolitik und Polizei, ist in vielen Gegenden der BRD nie angekommen, so auch nicht in Hamm. Erst seit Kurzem wird in den lokalen und überregionalen Medien über die Situation vor Ort berichtet und nicht zuletzt deshalb haben erst kürzlich auch die lokalen Parteien verstärkt Interesse an Gegenmaßnahmen bekundet. Das diesjährige, relativ breite Bündnis, welches zu nicht nur abseitigen symbolischen Gegenaktivitäten aufruft, steht somit für eine neuere Entwicklung, die vor einigen Jahren noch undenkbar schien.

Was auf den ersten Blick erfreulich ist, darf nicht darauf hinauslaufen, im Rahmen der Aktivitäten gegen Neonaziaufmärsche die dort propagierten nationalsozialistischen “Basisideologien” (Antisemitismus, Rassismus, autoritäre Gesellschaftsauffassung, Antiamerikanismus etc.) nicht zur Sprache zu bringen und nicht in ein Verhältnis zum deutschen “Normalbetrieb” zu setzen. Mitnichten reagieren die Deutschen des Jahres 2010 sensibler auf Neonazis und deren Ideologie, und keinesfalls gehen sie gegen diese entschlossener vor als vor dem “Aufstand der Anständigen”. Vielmehr werden die genannten Ideologien nach wie vor von großen Teilen der Bevölkerung mehr oder minder stark geteilt, es geht bei den Gegenaktivitäten weiterhin allem voran um die Wahrung des guten Rufs der eigenen Stadt und um den nationalen Mythos einer gelungenen “Vergangenheitsbewältigung”.

 

Jenseits der Metropolen

Hamm ist eine jener Provinzstädte, in der sogenannte “linke Strukturen” schwach aufgestellt sind und von denen es in der BRD Tausende gibt. Ohne ein nennenswertes linkes bzw. linksliberales Milieu, welches eine halbwegs kritische Öffentlichkeit hervorbringen könnte – oder gar ein linkes Zentrum – ist die Vermittlung radikaler Gesellschaftskritik und die Organisation von Interventionen für sich genommen schon schwer genug. Das “Naziproblem” führt jedoch dazu, dass die wenigen organisierten Linksradikalen sich primär mit Neonazis beschäftigen müssen, da diese eine massive Bedrohung nicht nur für die eigene “politische Arbeit”, sondern auch für die körperliche Unversehrtheit darstellen. In dieser Situation ist eine Schärfung der eigenen kritischen Theorie der Gesellschaft, welche auf die Aufhebung jener Verhältnisse zielen könnte, die neonazistische Ideologien hervorbringen, tragischer Weise fast unmöglich. Hamm ist hier kein Sonderfall. Aus “linken Hochburgen”, also aus den nahegelegenen Groß- und Universitätsstädten, erfahren Antifas in der Provinz zumeist keine oder wenig Unterstützung. Dabei stellen Neonazis gerade in der Provinz zumeist eine viel größere Gefahr für antifaschistische, “migrantische” oder “alternativen” Menschen dar, während in den Metropolen nicht selten mit der Lupe nach Nazis oder Rechtspopulisten gesucht wird, an denen man sich abarbeiten kann. Selbst Orte in unmittelbarer Nähe werden gerne vernachlässigt, weil “Metropolenlinke” eine halbstündige Bahnfahrt scheuen oder sich lieber im großstädtischen Szenesumpf einkuscheln.

 

Antifa 2010: Von Events und “Massen”

Die Mainstream-Antifa des Jahres 2010 konzentriert sich stattdessen lieber auf “Events”, bei denen vermeintlich “was geht”. Vorzugsweise sind dies Aufmärsche, bei denen aufgrund von massiven linken und zivilgesellschaftlichen Mobilisierungen eine vergleichsweise große Anzahl von Menschen auf die Strassen gehen und/oder Scharmützel mit der Polizei oder Neonazis zu erwarten sind. Es wird also bevorzugt dort interveniert, wo zu erwarten ist, dass “breite Bündnisse” möglich sind und eine gewisse mediale Aufmerksamkeit gegeben ist – so zum Beispiel Berlin, Hamburg, Köln oder mit Abstrichen auch Dresden. Diese mehr oder minder kritische Öffentlichkeit wird allerdings selten zur Artikulation radikaler Gesellschaftskritik genutzt. Eine Fixierung auf “Groß-Events”, bei denen es vielen Linken primär um Randale oder darum Teil einer “Masse” zu sein geht, und in deren Rahmen die Artikulation von eigenen Positionen nicht selten ein Schattendasein fristen muss, ist mindestens zweifelhaft, wenn nicht kontraproduktiv.

Doch auch die wenigen “Großstadtantifas”, die trotz des nicht zu erwartenden “Events” am 23.10. den Weg nach Hamm finden, müssen sich fragen lassen, warum sie lediglich dann dort auftauchen, wenn ein Aufmarsch der örtlichen “Kameradschaft” ansteht. Die Fixierung von AntifaschistInnen auf Neonaziaufmärsche ist falsch und fatal, weil diese nur eine vereinzelte Ausdrucksform neonazistischer Auswüchse sind. Regelmäßige Kameradschaftsabende, Konzerte oder kleinere illegale Aktionen sind für das Selbstverständnis und die Außenwirkung der neonazistischen Subkultur mindestens genauso wichtig.

 

Support the Dorfantifa!

Für die Provinz interessieren sich Großstadtantifas also bestenfalls wenn es dort zu Aufmärschen kommt, bei denen die KameradInnen meistens – wie aktuell in Hamm – von einem Polizeikessel eskortiert durchs Kaff Gassi gehen dürfen. Dass der “Nazialltag” dort ein viel größeres Problem darstellt, wird kaum beachtet. Problemorientiert oder gar solidarisch ist ein Auftreten bloß zu solchen Gelegenheiten sicher nicht: Antifastrukturen in der Provinz müssen vielmehr nachhaltig gestärkt werden, was ohne Unterstützung von außerhalb kaum möglich ist.

 

Für die Entbarbarisierung des platten Landes!
Solidarität mit den Antifaschistinnen und
                                 Antifaschisten in Hamm und Ahlen!
Jetzt und in Zukunft: die Verhältnisse kritisieren,
                                     die Naziszene in der Provinz plattmachen.

 

// antifaschistische und kommunistische Gruppen aus NRW
// antifa-nrw.de

 

Sommer, Sonne, Antifa!

18 Veranstaltungen, vier Tagesseminare, vier Abendveranstaltungen, auch im 10. Jahr bietet das Antifacamp in Oberhausen reichlich Bildung und Reflexion. Inhaltlich möchten wir mit euch den Spagat zwischen linksradikaler Gesellschaftskritik und antifaschistischer Praxis wagen. Antifaschismus heißt für uns nämlich nicht nur, gegen Nazis zu sein, sondern auch, die herrschenden Verhältnisse, die aus sich heraus immer wieder faschistische Tendenzen hervorbringen, radikal zu kritisieren.
Natürlich kommt auch der Spaß nicht zu kurz: vegane Verköstigung, Partys und ein abwechslungsreiches Kultur- und Sportprogramm runden das Camp ab.

Für 20,- Euro gibt es einen Schlafplatz, Vollverpflegung und Wasser satt, sowie ermäßigten oder kostenlosen Eintritt zu den Partys.

Das Programm und alles weitere ist hier zu finden.

Antifacamp #10 // 11. – 15. August 2010 // Druckluft Oberhausen

Kundgebung: Nieder mit der Hamas – Solidarität mit Israel!

Die Fülle der Berichterstattungen zu Israels Militäraktion am vergangenen Montag ist gewaltig und trotzdem ist der Tenor in den deutschen Medien eindeutig wie nur selten: Israel steht am Pranger. Und trotz unzähliger Meldungen geht in vielen Berichten unter, gegen wen sich Israels Vorgehen gerichtet hat.

In einer Situation, in der weltweit auf antisemitischen Massenaufmärschen Israelis von Islamisten, türkischen Nationalisten und ihren linken antiimperialistischen Freunden unter „Allahu Akbar“-Rufen zu den Nazis von heute erklärt werden, israelische Botschaften gestürmt werden1, und am Rande von Demonstrationen Menschen, die beim antisemitischen Wahnsinn nicht mit machen wollen, Gewalt erfahren2, fordern wir ein Ende der propagandistischen Hetze gegen Israel.

Während die deutsche und internationale Öffentlichkeit in der Mehrheit Israels Militäraktion verurteilt und sich gar nicht mehr dafür interessiert, in welch aussichtslose Lage der Staat der Shoahüberlebenden von den Antisemiten dieser Welt ein um’s andere Mal manövriert wird, stellen wir uns an die Seite des jüdischen Staates und betonen Israels Recht auf Selbstverteidigung.

Das Problem im Gazastreifen ist nicht die durch die Angriffe und die Aufrüstung der Hamas notwendig gewordene Seeblockade, sondern die Herrschaft der Djihadisten, die nicht nur Israel terrorisieren, sondern auch all jene Palästinenser, die sich ein friedliches Zusammenleben mit den Israelis wünschen oder sich dem Tugendterror der Islamisten nicht unterordnen wollen. Wer also den Palästinensern wirklich helfen will, macht nicht gemeinsame Sache mit der im Gazastreifen herrschenden Terrororganisation und provoziert keinen Militäreinsatz – sondern
erweitert die Parole „Free Gaza“ um ein „from Hamas“.

Samstag | 05. Juni 10 | 12:00 Uhr
Schadowstraße/Ecke Königsallee | Düsseldorf

assoziation gegen antisemitismus und israelfeindschaft nrw
Kontakt: agai@safe-mail.net

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  1. Am 31. Mai wurde in Bonn ein amerikanischer Sportjournalist nach einer Auseinandersetzung mit Teilnehmern einer antiisraelischen Demonstration durch einen Stein am Kopf schwer verletzt. http://tapferimnirgendwo.wordpress.com/2010/06/02/brutaler-angriff-im-starbucks-bonn/ [zurück]
  2. Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=GmyBS0YiXZU&feature=related „Protestors storms Israeli consulate in Turkey“ [zurück]